21. Mai 2026·14 Min. Lesezeit

Inhaltlich sauber, didaktisch eine Wand – wie ich meine FAU-Gastvorlesung im dritten Jahr grundsaniert habe

Drei Jahre, drei Durchläufe an der FAU: Warum die ersten zwei UX-Vorlesungen mehr überforderten als anstießen – und wie eine andere Zielsetzung sie verändert hat.

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Warum die ersten zwei Durchläufe die Studierenden mehr überforderten als für UX zu öffnen — und wie eine andere Zielsetzung die Vorlesung verändert hat.

Vor drei Jahren hat Nadja Deuerlein mich gefragt, ob ich Lust hätte, an der FAU Erlangen eine Gastvorlesung zu UX zu halten. Wir kennen uns aus der gemeinsamen Zeit bei BRZ Deutschland, und sie wusste, dass ich aus meinen früheren Jahren in der Selbstständigkeit viel unterrichtet habe — SAE, Macromedia, andere Häuser. Lehre macht mir Spaß. Ich habe ohne Zögern zugesagt.

Die Vorlesung steht jetzt im dritten Jahr. Und es hat zwei Anläufe gebraucht, bis sie wirklich funktioniert hat.

Die ersten zwei Jahre: alles drin, nichts angekommen

2024 und 2025 habe ich die Vorlesung klassisch akademisch aufgebaut. Die Agenda folgte der ISO 9241-210: menschzentrierte Gestaltung, grundlegende Begriffe und Konzepte, Nutzungskontext, Nutzungsanforderungen, Gestaltungslösung, Evaluation. Auf den Folien standen die Definitionen aus der Norm, die sieben Dialogprinzipien, die zehn Heuristiken von Jakob Nielsen, das CPUX-F-Curriculum, eine ganze Folie voller Fragebogen-Methoden im Überblick. Inhaltlich war das sauber.

Didaktisch war es eine Wand.

Eine Folie aus der 2025er-Version: 19 Fragebogen-Methoden im Überblick. Inhaltlich sauber, didaktisch eine Wand.

Schon im ersten Durchlauf habe ich gespürt, dass etwas nicht stimmt. Die Studierenden waren höflich, aufmerksam, aber nicht angesteckt. Nach 90 Minuten Methodendichte verlässt niemand den Raum mit dem Gefühl: jetzt verstehe ich, warum UX zählt. Sie verlassen den Raum mit dem Gefühl: das war viel. Im zweiten Jahr habe ich die Folien noch einmal überarbeitet, ein paar Begriffe geschärft, mehr Beispiele eingestreut — am Grundproblem hat das nichts geändert.

Ein nüchterner Indikator, der mich beide Male begleitet hat: Ich musste am Ende kürzen, um in der Zeit zu bleiben. Meistens bei den Fragebogen-Methoden, weil sie am Schluss kamen und sich am leichtesten weglassen ließen. Das ist im Nachhinein einer der ehrlichsten Hinweise auf das eigentliche Problem — wenn der Stoff regelmäßig nicht in die Zeit passt, ist nicht die Zeit das Problem, sondern der Stoff.

Das Grundproblem war meine eigene Zielsetzung. Ich wollte Vollständigkeit zeigen. Ich wollte, dass die Studierenden am Ende wissen, was das Fachgebiet UX in seiner ganzen Breite umfasst. Das ist ein nachvollziehbarer Anspruch — aber für eine 90-Minuten-Gastvorlesung vor Master-Studierenden aus Wirtschaftsinformatik und Business Management ist es die falsche Zielsetzung.

Der Umbau: Impuls statt Vollständigkeit

Für 2026 habe ich die Vorlesung nicht überarbeitet. Ich habe sie grundsaniert.

Die neue Zielsetzung war eine ganz andere: kein vollständiges Fachgebiet zeigen, sondern ein Mindset anstoßen. Die Vorlesung sollte nur noch die Spitze des Eisbergs sein — die emotionale, dramaturgische Spitze. Die Tiefe wandert ins Handout, das ich parallel als eigenständigen Lernreader aufgebaut habe, mit weiterführenden Links, Quellen und Buchempfehlungen für alle, die nach der Vorlesung tiefer eintauchen wollen.

Aus der akademischen Agenda wurde eine erzählerische Architektur in fünf Blöcken:

HOOK (20 min) — Aktivierung. Welches Tool hat dich diese Woche genervt? Welches benutzt du täglich, ohne nachzudenken? Mentimeter-Wolke, Mustererkennung im Raum.

SCHMERZ (15 min) — Wenn UX richtig wehtut. Fünf reale Fälle aus fünf Jahrzehnten: Campo, Hawaii-Fehlalarm, Therac-25, Citibank, BAföG Digital.

WEG (30 min) — Nutzerzentriert arbeiten, demonstriert am Beispiel BAföG Digital. ISO 9241-210 als roter Faden, nicht als Frontalstoff.

MESSEN (15 min) — Woher weißt du, ob's gut ist? Fünf-User-Regel, drei Heuristiken statt zehn, drei Fragebogen-Methoden statt neunzehn.

TRANSFER (10 min) — Fünf Beispiele. Ein Muster. Die Kernbotschaft.

2026er-Version: Wo 2025 zwei Folien standen, steht jetzt ein Satz.

Die ISO 9241 ist in dieser Architektur nicht weg — sie ist nur entdramatisiert. Wo ich 2025 zwei Folien gebraucht habe, um Effektivität, Effizienz und Zufriedenstellung als Maße der Gebrauchstauglichkeit auszubreiten, steht in der Version von 2026 ein einziger Satz: „Vier Schritte. Ein Weg. ISO 9241-210." Wer mehr will, blättert ins Handout.

Campo, Mensa, BAföG: drei Tools, drei Schweregrade, ein Muster

Eine Sache, die ich aus den ersten zwei Jahren gelernt hatte: Abstrakte Beispiele kommen nicht durch. Wenn ich vor Wirtschaftsinformatik-Studierenden über Personas und Nutzungskontexte rede, brauchen sie Anker, die sie selbst erlebt haben. Stock-Foto-Personas helfen da nicht.

Also habe ich drei Tools genommen, die jede Studentin und jeder Student an der FAU kennt und benutzt: Campo für Raumsuche und Lehrveranstaltungen, die Mensa-App, den BAföG-Digital-Antrag. Drei Tools, drei sehr unterschiedliche Usability-Probleme, ein gemeinsames Muster.

An Campo lässt sich zeigen, was passiert, wenn Datenbanklogik die Nutzerlogik verdrängt: Eine Lerngruppe sucht über die Raumsuche einen freien Seminarraum. Ohne Filter 1.459 Treffer. Mit Filter Sitzplätze ≥ 6 nur noch drei — alle als „Büroraum allgemein" getaggt, also Mitarbeiterbüros, nicht Lerngruppen-tauglich. Mit zusätzlichem Filter Whiteboard null Treffer. Nicht weil es keine geeigneten Räume gibt, sondern weil die Datenbank Räume nach Verwaltungskategorien kennt, nicht nach Lerngruppen-Bedarf.

Drei Filter, drei Zahlen: Tausende → 3 → 0. Campos Raumsuche kennt Datenbankfelder, nicht den Use Case.

Die Mensa-App war auf den ersten Blick der harmloseste Fall — keine spektakuläre Fehlfunktion, kein offensichtlicher Bug. Aber genau hier wird es interessant: Eine heuristische Evaluation deckt schnell auf, dass die Allergen-Informationen als Fließtext zwischen anderen Wörtern stehen, nicht als visuell hervorgehobener Block. Wer eine Glutenunverträglichkeit hat, muss in jedem Essensblock den Allergen-Text neu lesen — bei mehreren Gerichten pro Tag, bei mehreren Mensen, jeden Tag. Was beim flüchtigen Hingucken aussieht wie ein UI-Schönheitsfehler, ist für Studierende mit Glutenunverträglichkeit, Nussallergie oder Laktoseintoleranz ein Sicherheitsproblem: Bei diesen Gruppen reicht ein übersehenes Allergen vom unangenehmen Tag bis im Extremfall zum anaphylaktischen Schock. Aus einem unbeholfenen UI-Detail wird im falschen Moment ein klinisches Ereignis. Mögliche Abhilfen sind methodisch trivial — Allergene im Nutzerprofil hinterlegen und in den Gerichten farbig hervorheben oder herausfiltern lassen. Dass das nicht passiert ist, ist keine technische Hürde, sondern eine Frage des Mindsets, mit dem die App gebaut wurde.

Echter Screenshot aus der Mensa-App: Allergene als Fließtext zwischen Zusatzstoffen und Zubereitungshinweisen, nicht als visuell hervorgehobener Block.

Am BAföG-Digital-Antrag zeigt sich das Muster der systemischen Amnesie. Eine Antragstellerin lädt Dokumente hoch und reicht den Antrag ein. Wochen später kommt eine Rückfrage der Sachbearbeitung, sie soll Unterlagen nachreichen. Sie lädt die Dokumente erneut hoch — und stellt fest, dass die ursprünglichen Einreichungen aus Datenschutzgründen gelöscht wurden. In manchen Fällen beginnt der Prozess effektiv von vorn. Drei bis fünf Monate bis zur ersten Auszahlung sind in diesem System strukturell üblich, nicht individuelles Pech. Das Problem liegt nicht im Frontend, sondern im fehlenden durchgängigen digitalen Verfahren zwischen Portal und Sachbearbeitung.

Drei Beispiele, drei Schweregrade, alle aus dem Alltag der Studierenden. Das ist der Unterschied zwischen einer Persona namens „Lisa, 24, Studentin" und der Frage: Wie viele von euch haben heute schon Campo benutzt?

Wenn UX in der Liga des echten Schadens spielt: Hawaii, Therac, Citibank

Campo, Mensa, BAföG zeigen, dass schlechte UX im Alltag der Studierenden präsent ist. Aber sie zeigen nicht die ganze Tragweite. Damit klar wird, warum UX kein Wohlfühl-Thema ist, sondern eine Disziplin mit ernsthaften Folgen, habe ich im SCHMERZ-Block drei Fälle genommen, die in der Liga des wirklichen Schadens spielen.

Hawaii, 13. Januar 2018. Ein Mitarbeiter der Hawaii Emergency Management Agency wählt aus einem Dropdown-Menü den Eintrag Missile Alert statt Test Missile Alert. Eine Klick-Distanz, kein Bestätigungsdialog, kein Abbruch-Weg. Über eine Million Menschen bekommen die Push-Nachricht: „BALLISTIC MISSILE THREAT INBOUND TO HAWAII. SEEK IMMEDIATE SHELTER. THIS IS NOT A DRILL." Familien schreiben Abschiedsnachrichten. Kinder werden in Abflussrohre gesetzt. 38 Minuten lang glaubt eine ganze Insel, dass eine Atomrakete im Anflug ist. Das ist kein UI-Detail — das ist 38 Minuten kollektive Panik wegen einer fehlenden Sicherheitsabfrage.

Therac-25, 1985–1987. Ein Strahlentherapiegerät verabreichte bei einer Race Condition im Steuerungscode massiv überhöhte Strahlendosen. Mindestens sechs Patienten wurden schwer geschädigt, mehrere starben. Die Fehlermeldung des Geräts lautete „MALFUNCTION 54" — kein Klartext, keine Erklärung, kein Handlungsweg. Operatoren waren durch frühere, harmlose Auftreten desselben Codes konditioniert, ihn wegzuklicken. Fehlermeldungen, die niemand versteht, sind keine Fehlermeldungen. Sie sind eine Einladung zum nächsten Fehler.

Citibank, 11. August 2020. Bei einer Routine-Zinszahlung an Revlon-Gläubiger navigierte ein Mitarbeiter eine Eingabemaske, in der drei Checkboxen gemeinsam aktiviert sein mussten, um nur die Zinsen zu transferieren. Waren nicht alle drei aktiviert, wurde die gesamte Hauptforderung überwiesen. Die Kopplung dieser drei Checkboxen war im Interface nicht sichtbar. Drei Reviewer machten unabhängig denselben Fehler. Überwiesen: rund 900 Millionen Dollar. Ein US-Bezirksgericht hielt 2021 in erster Instanz fest, dass die Eingabemaske so unklar gestaltet war, dass auch sorgfältige Reviewer den Fehler kaum erkennen konnten – ein späteres Berufungsurteil drehte die Rückforderung aus bankrechtlichen Gründen, nicht wegen der UI-Frage. Der UX-Befund blieb stehen.

Drei Fälle aus drei Jahrzehnten, drei Domänen, eine Lehre: Schlechte UX ist kein ästhetisches Problem. Sie kostet Menschen Panik, Gesundheit, manchmal das Leben — und in den nüchternen Fällen einfach nur sehr viel Geld.

Erst zusammen ergeben die kleinen Alltagsbeispiele und die großen Katastrophen-Fälle das Bild, das die Vorlesung tragen soll: UX-Versagen ist kein Skalierungsproblem. Es zeigt sich genauso in der Allergen-Anzeige einer Mensa-App wie in einer Eingabemaske über 894 Millionen Dollar — das gleiche Muster auf unterschiedlichen Bühnen.

Die Kernbotschaft als Bauprinzip, nicht als Schlusssatz

In den ersten zwei Jahren hatte die Vorlesung keine erkennbare Kernbotschaft. Sie hatte ein Thema. Das ist nicht dasselbe.

Für die Version 2026 habe ich mit der Kernbotschaft angefangen und alles andere darum herum gebaut:

Die Software hat gemacht, was sie sollte. Nur nicht das, was der Mensch brauchte.

Diese Aussage taucht in der Vorlesung explizit erst gegen Ende auf, als Pointe der Transfer-Folie. Aber strukturell trägt sie jeden Block: Der SCHMERZ-Block zeigt, was passiert, wenn das Muster zuschlägt. Der WEG-Block zeigt, wie man es vermeidet. Der MESSEN-Block zeigt, wie man prüft, ob man es wirklich vermieden hat.

Das Ergebnis: Eine Vorlesung, die nicht informieren will, sondern überzeugen. Nicht „hier ist das Fachgebiet", sondern „hier ist, warum es nicht weglassbar ist".

90 Minuten ohne Probelauf: warum die Architektur trägt

Die Überarbeitung der Folien hat — wie immer — länger gedauert als geplant. Den finalen Stand hatte ich erst in der Nacht vor der Vorlesung fertig, für einen Testdurchlauf war keine Zeit mehr. Am Vorlesungstag bin ich morgens regulär zur Arbeit gefahren, um 16:00 Uhr direkt von dort zur FAU — und stand kurz darauf vor den Studierenden, ohne die Folien je zwischen Bildschirm und Hörsaal laut durchgesprochen zu haben. 90 Minuten später bin ich exakt auf der letzten Folie gelandet, ohne überzogen zu haben.

Das ist keine rhetorische Leistung — das ist Evidenz, dass die Architektur trägt. In den ersten zwei Jahren musste ich am Ende immer kürzen. Diesmal nicht. Die fünf Blöcke mit ihren Zeitfenstern — 20 / 15 / 30 / 15 / 10 — waren in der Foliendramaturgie so stabil verankert, dass ich auch ohne Probelauf wusste, wo ich gerade stehe.

Die didaktische Erkenntnis hinter dem Umbau: Eine Vorlesung mit klarer dramaturgischer Architektur trägt sich selbst. Eine Vorlesung mit Vollständigkeitsanspruch verlangt vom Dozenten, dass er den Inhalt rettet, wenn die Zeit knapp wird. Das ist kein Anti-Vollständigkeits-Plädoyer — Vollständigkeit hat ihren Platz, im Handout, in einer Vorlesungsreihe, in einem Lehrbuch. Aber nicht in 90 Minuten vor einem Publikum, das gar nicht weiß, ob es das Thema interessant findet.

Die Studentin, die nach einem Buch fragte

Den deutlichsten Hinweis darauf, dass die Vorlesung anders gewirkt hat als in den Vorjahren, habe ich nicht im Hörsaal bekommen, sondern danach.

Eine Studentin fragte mich, ob ich ihr ein Buch zum Thema empfehlen könnte, in dem das UX-Praxiswissen breit zusammengefasst ist. Ich musste passen. Ein solches Buch in der Breite, die sie meinte, kenne ich nicht.

Florian Irmert — der die Vorlesung an der FAU seit drei Jahren begleitet und bei allen drei Durchläufen mit im Hörsaal saß — sprang ein und bestätigte: Ihm gehe es genauso, ein solches Buch kenne er auch nicht. Und es würde am Punkt vorbeigehen, weil Praxiswissen in unserem Feld nicht aus Büchern kommt. Dann brachte er die Analogie ins Spiel: Sich tolle Fotos von Fotografen anzuschauen, mache aus dir noch keinen Fotografen. Du musst dich mit der Theorie und Methodik auseinandersetzen — und dann üben, üben, üben.

Ich habe ergänzt: Beim Kochen zuzuschauen macht dich auch nicht zum Koch. Du musst verstehen, warum welche Zutaten miteinander funktionieren, erst nach Rezept arbeiten und dich dann Schritt für Schritt davon lösen. Mit UX ist es genauso.

Was an diesem kurzen Gespräch interessant war: Die Studentin hat genau das Bedürfnis formuliert, das die Vorlesung produziert hat. Sie wollte mehr. Sie wollte den nächsten Schritt. Sie hat nicht gesagt: das war zu viel, ich brauche eine Zusammenfassung. Sie hat gesagt: das war ein Impuls, wo geht es weiter? Das ist genau die Reaktion, auf die der Umbau gezielt hat.

Und Florians Analogie hat die Kernbotschaft der Vorlesung aus einem ganz anderen Winkel unterstrichen: Die Vorlesung ist nicht die Antwort, sie ist der Einstieg. Wer UX lernen will, muss Theorie verstehen, Methoden üben, und vor allem viele Stunden Praxis sammeln.

Der Entwickler, der UX-Designer nicht versteht

Im selben Gespräch kam ein zweiter Student auf mich zu, Entwickler bei einem großen Automobilhersteller. Er schilderte, dass die UX-Designer in seiner Firma immer wieder Anforderungen formulieren, die er für unlogisch, umständlich und unverhältnismäßig aufwendig hält – und dass er diese Ansprüche oft nicht nachvollziehen könne.

Ich habe versucht, die UX-Perspektive zu vertreten, aber ohne Kontext kommt man da nicht weit. Welche Anforderungen genau hat er als falsch empfunden? Wie wurden sie kommuniziert? Gibt es externe Treiber – Compliance, Accessibility, Rechtsabteilung – die in der Entwicklungs-Sicht nicht auftauchen? Was ich ihm sagen konnte: Das Muster sehe ich in vielen Organisationen. UX und Entwicklung reden nicht miteinander, sondern übereinander. Beide Seiten haben gute Gründe, beide Seiten haben blinde Flecken. Diesem Spannungsfeld will ich in einem separaten Artikel nachgehen.

Wichtig war für mich an dieser Begegnung trotzdem etwas anderes als der Inhalt der Frage: dass sie überhaupt kam. Der Student wollte sich nicht informieren – er wollte diskutieren, eine Sicht von außen auf eine Spannung, mit der er beruflich lebt. Eine Vorlesung, die solche Nachgespräche auslöst, hat den Impuls gesetzt, den sie setzen sollte.

Was ich aus drei Jahren mitnehme

Drei Jahre, drei Durchläufe, eine grundsanierte Version. Was bleibt für mich:

Erstens: Vollständigkeit ist kein didaktisches Ziel. Sie ist ein bibliothekarisches Ziel. Wenn ich vor einem Publikum stehe, das mein Fachgebiet nicht studiert, sondern nur kurz hineinschaut, muss ich entscheiden, was einen Unterschied macht, nicht was vollständig wäre. Vollständigkeit gehört in andere Formate — ins Handout, in die Buchempfehlung, in den Selbststudiums-Pfad.

Zweitens: Eine Kernbotschaft ist kein Schlusssatz. Sie ist ein Bauprinzip. Wenn ich die Kernbotschaft erst am Ende formuliere und der Rest der Vorlesung sie nicht trägt, ist sie nur ein Slogan. Wenn sie strukturell jeden Block trägt, ist sie eine Achse, an der sich die Studierenden entlanghangeln können.

Drittens: Anker aus dem Alltag der Zuhörer schlagen jedes generische Beispiel. Campo, Mensa, BAföG — drei Tools, die jede Person im Raum aus eigenem Erleben kennt — haben mehr didaktische Tiefe als jede Lehrbuch-Persona. Das ist eine Erkenntnis, die mich in meiner regulären UX-Arbeit ohnehin trägt, aber sie gilt für die Lehre genauso.

Viertens: Ein guter Vortrag erzeugt keine Antworten, er erzeugt Anschlussfragen. Die Studentin, die nach Büchern fragt, der Student, der die UX-Designer in seiner Firma nicht versteht, die Mentimeter-Antworten am Anfang über genervte und gut funktionierende Tools — das ist die Resonanz, auf die ich gebaut habe. Nicht Applaus, sondern Anschlüsse.

Dank

Dass ich diese Vorlesung im dritten Jahr halten durfte und drei Mal anders denken konnte, verdanke ich zwei Menschen.

Nadja Deuerlein hat mich vor drei Jahren gefragt, ob ich Lust hätte — ohne diese Frage gäbe es weder die Vorlesung, noch die zwei akademischen Anläufe, aus denen ich gelernt habe, noch die grundsanierte Version, die jetzt trägt. Sie war in den ersten beiden Jahren auch im Hörsaal dabei und konnte diesmal leider nicht — das wäre der einzige Wermutstropfen an einem ansonsten guten Tag.

Dr. Florian Irmert hat alle drei Durchläufe begleitet und im Nachgespräch dieses Jahr mit seiner Foto-Analogie die Kernbotschaft aus einem Winkel unterstrichen, den ich selbst nicht im Vortrag hatte. Solche Beiträge im Kollegengespräch sind wertvoll.

Beiden ein herzliches Dankeschön — und die Vorfreude auf das nächste Jahr.


Eine Frage, mit der ich selbst noch ringe: Wo zieht ihr die Linie zwischen Vollständigkeit (im Handout, im Reader) und Impuls (im Vortrag)? Wenn du eine Position oder andere Erfahrungswerte hast – schreib mir auf LinkedIn.


Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von Claude (Anthropic) verfasst. Grundlage war meine eigene Erfahrung aus drei Durchläufen der Gastvorlesung sowie das Foliendeck und das Handout zur 2026er-Version der Vorlesung.